RE: Tradition ist eine wohlgeschminkte Leiche

#1 von Kolag_Hraban , 06.11.2013 21:02

Meinen wir mehr als Folklore, wenn wir von Brauchtum reden? Und wie unterscheiden sich Tradition und Fortschritt? Der Stadtwanderer Benedikt Loderer gibt in einem Essay zehn Antworten.

http://bazonline.ch/leben/gesellschaft/T.../story/26282486


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RE: Tradition ist eine wohlgeschminkte Leiche

#2 von Svenja , 07.11.2014 05:37

Ich fände es falsch das Wort Tradition durch Folkslore zu ersetzen, da es wie in dem Artikel beschrieben unser Fundament ist.

Ich sage man darf seine Wurzeln nicht vergessen und die Traditionellen Bräuche im Herzen tragen, wie weit man es noch praktizieren möchte ist jedem selbst überlassen.
Jedoch sollte man verstehen das man das früher dem Fortschritt anpassen muss, sonst geht es unter und in Vergessenheit dies ist dann Heuchelei.

Dies ist mit dem Glaube nicht anders das Fundament und der Inhalt soll bestehen bleiben jedoch die Art wie es früher gelebt wurde kann man im heutigen Fortschritt nicht bei behalte man belügt sich so nur selbst, den jeder muss seinen weg finden, mit der Tradition wie auch mit dem Glauben. Es gibt nicht nur den einen richtigen weg.

Gruss Svenja

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RE: Tradition ist eine wohlgeschminkte Leiche

#3 von Kerry , 12.12.2014 14:40

Das war ein sehr interessanter Artikel. Allerdings kann ich dem nicht gänzlich zustimmen. Obwohl diese Definitionen von Tradition wohl überlegt sind, so übersieht diese dualistische Denkart etwas was für mich grundlegend ist: bei allem, sowohl Tradition wie auch Fortschritt, geht es darum organisch mit dem Wandel des Lebens umzugehen. "Tradition" könnte man theoretisch an jeder beliebigen Stelle der Weltgeschichte "festnageln", dadurch dass man es als solches definiert. Zum Beispiel hat die Steinzeit noch länger angedauert als die Zeitspanne, die man in diesem beschribenen Ort für Tradition erklärt. Sollte man also deswegen die Steinzeit nachahmen? Da war vieles was im Artikel zum Thema der Tradition beschriben wurde noch ausgeprägter. Ich finde dieses aber auch keine hilfreiche Antwort.

Für mich ist die "Tradition", so wie es in solchen Orten am Leben erhalten wird, eine Reaktion der heutigen Menschen darauf, dass die Welt sich inzwischen schneller am Wandeln ist als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Manche Menschen reagieren darauf dadurch, dass sie alles nachjagen was neu ist. Andere halten sich fest an das, was gestern gewesen ist. Die meisten Menschen befinden sich irgendwo dazwischen. Tradition wäre, demnach, nicht nur eine Methode des Überlebens aus einer vergangenen Zeit, sondern eine Methode des geistigen Überlebens im hier und jetzt.

Der Artikel deutet aber auch auf etwas sehr wichtiges an: es muss irgendeinen Grund geben warum man versucht gerade diese Traditionen am Leben zu erhalten. Eine einzelne Person mag Sachen ab und zu ohne Überlegung oder Grund zu machen doch, wenn man die Übersicht von einer Gruppe von Menschen betrachtet, so erscheint sie immer rationaler desto grösser die Gruppe ist. Dabei muss man betrachten, dass man als Gruppe meist das anstrebt, was die Kultur vorschreibt, weil die meisten Menschen anderes als wichtiger einschätzen als zu hinterfragen warum man etwas macht. Die meisten Menschen machen nur das worin sie für sicheinen Sinn erkennen und meiden das worin sie eine Gefahr für sich sehen. Eines was viele Menschen anstreben ist von anderen Menschen akzeptiert zu werden. Tradition wird dann zu dem, was man macht um sich anzupassen. Wenn das, was als Kultur angestrebt wird, mit der Zeit zum Untergang führt, so wird dieses Verhaltensmuster wenn auch nur eine Zeit lang aus dem Betrieb genommen. Darin kann man eine Art von Evolution erkennen, wobei das Angestrebte nicht unbedingt langfristig besser ist, jedoch mit der Zeit immer angepasster wird an den Ansprüchen der Natur und der anderen Menschen.

Daher finde ich eher, dass Tradition etwas organisches ist was mit den Menschen zusammen wächst. Über die Jahre fallen einige Traditionen beiseite und andere kommen rein um dessen Aufgaben zu übernehmen. Dieser Vorgang hat keinen Anfang und auch kein Ende, solange es noch Menschen gibt um es auszuführen. Dabei ist auch zu beachten, dass manchmal die Ersatze der wegfallenden Traditionen aus einer früheren Zeit entnommen werden. Manchmal werden sie aber auch neu erfunden, wenn die Kultur in ihrem überlieferten Gedankengut nichts passendes hat, was auf die momentane Situation passt. In unserer Zeit entsteht viel Neues, doch es wird auch vieles aus der Geschichte oder aus anderen Kulturkreisen entnommen.

Damit komme ich zum nächsten Punkt, nämlich dass die Welt zum Teil auch viel bunter durchgemischt wird. Da kommen verschiedene Faktoren zusammen: Kommunikation ist schneller, Reisen geht schneller, man weiss mehr Bescheid darüber was sich sonstwo in der Welt abspielt, Menschen kommen aus aller Welt zu Orten wo sie glauben finden zu können was sie zu brauchen glauben, usw. Auch ist im Moment so vieles am Wandeln, dass die Menschen quasi gezwungen werden sich mit mehr verschiedenen Ansichten und Lebensarten auseinander zu setzen als es in der vorindustriellen Zeit der Fall war. Jedoch kann man in der Weltgeschichte sehen, dass der Tempo des Wandelns meist dort schneller war wo viele Völkergruppen / Ansichten aufeinander geprallt sind, mit der Voraussetzung dass eine davon die anderen nicht hat unterdrücken können. Vielleicht will ein Teil von die Menschen, die Traditionen bewahren wollen, ja eigentlich nicht zu den Zeiten zurückkehren wo das Leben zum Teil schwieriger war. Vielleicht wollen sie sich einfach mit dieser Vielfalt von Lebenswegen nicht auseinandersetzen müssen. Es ist für viele Menschen schwierig etwas zu akzeptieren was sie selber nicht machen würden oder nicht kennen. Es gibt viele Arten zu leben und viele davon sind auch "gut", auch wenn sie nicht die eigene sind. Zum Teil suchen die Menschen aber nur nach einem Lebenszweck: nach etwas, was ihnen das Gefühl gibt ihr Leben nicht umsonst gelebt zu haben. Viele Menschen verlieren ihren Halt, wenn sie den Bezug zu früheren Generationen ihrer Familie verlieren. Der Mensch braucht, wie die Bäume auch, seine Wurzel genau wie seine Blätter um wachsen und gedeihen zu können. Wenn die Tradition eine oder beide dieser Zwecke erfüllt, dann ist es für die Menschen vom persönlichen Vorteil es auszuleben.

Ich will sicher nicht sagen, dass man die Tradition vergessen sollte. Ganz im Gegenteil: wenn man zuviel an übertragenes Gedankengut verliert, dann wird es schwieriger sein für spätere Generationen, wenn etwas gebraucht wird was in Vergessenheit geraten ist. Das sieht man zum Teil auch heute: die Menschheit ist langsam aber sicher am Erkennen, dass wir die Erde besser pflegen lernen müssen, wenn wir als Spezies langfristig überleben wollen. Dabei haben wir leider ein Teil von dem vergessen, wie die Ahnen das gemacht haben. Ähnliches widerfährt uns in der Medizin: man erkennt langsam aber sicher, dass die alten Methoden doch etwas an sich hatten was die moderne Medizin nicht ersetzen kann, doch vieles davon ist verloren gegangen. Zum Beispiel hatte man in Europa die Hexenverfolgungen und in China einige grosse Bücherverbrennungen, wobei in der USA das Gedankengut der Ureinwohner immer mehr am schwinden ist. Es gibt weitere Beispiele in der Welt an Wissen, dass verloren gegangen ist und daher uns und weiteren Generationen nicht länger zur Verfügung steht.

Unter Folkslore verstehe ich eher dieses weitergeleitete Wissen, dieses Gedankengut. Tradition emfinde ich als etwas sich stets wandelndes und nicht als etwas festgenageltes. Darunter befinden sich auch Sachen, die für die Menschen von heute noch mehr als aktuell sind, wie die Festtage, der Weihnachtsbaum, die Menorah und viele heidnische Traditionen. Solange diese für die Menschen noch einen Zweck erfüllen, einen Nutzen haben, wird es sie auch geben.


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