RE: PDF Alte Weltanschauung & Effekte der Urbanisation

#1 von Debbie , 29.07.2016 07:57

Hallo zusammen

Gestern am Stammtisch hatte ich mit einigen ein interessantes Gespräch darüber, wie sich die heutigen Weltanschauungen von der Antike unterscheidet, welche Einflüsse das Christentum, aber auch die Industrialisierung hatten etc.

Dies ist das PDF zum Thema, das ich erwähnt hatte: Uncovering the Effects of Cultural Background
on the Reconstruction of Ancient Worldviews

(Es ist in Englisch, falls jemand sich für ein Unterthema darin besonders interessiert, aber nicht genug versteht, kann ich versuchen, den entsprechenden Abschnitt zu übersetzen.)

Ich persönlich finde es extrem interessant, mich mit meinen eigenen Vorstellungen und Verständnis der Welt auseinander zu setzen und dabei auf Dinge zu stossen, die ich glaube, ohne dass es mir bewusst ist, und dann versuche heraus zu finden, woher diese Vorstellung kommt. Auch hilft es, einen Kontext zu bilden für historische Recherche.

Aus dem PDF möchte ich vor allem folgendes Hervorheben:
(Zitat Seite 15, bestmöglich übersetzt von mir)

Mit der Urbanisation/Industrialisierung können folgene Veränderungen beobachtet werden:

    1. "Land" wird weniger wichtig als "Dinge".
      (a) Land wird materieller Besitz

[list](b) Der Sinn für Land-Verwaltung ist ersetzt durch Land-Besitz[/list]
    2. Quantität und Massenproduktion ist wichtiger als Qualität

    3. Effizienz und der Antrieb nach Effizienz ersetzen
      (a) Menschen durch Maschinen und Namen durch Nummern am Arbeitsplatz

[list](b) ein Sinn der Zufriedenheit für eine gelungene Arbeit durch einen Sinn für Geschwindigkeit und Massenproduktion
    (c) ein Sinn der sozialen Verantwortung gegenüber Angestellten durch die Notwendigkeit, die Produktion zu steigern

    (d) die Idee, dass eine Arbeit ihren eigenen Zeitrahmen füllt durch vorgefertigte Deadlines (Zeit ist Geld)

    (e) Handwerksmeister durch Fliessbandarbeiter und ungeschulte Tagelöhner
[/list]
    4. Angesammelter Reichtung ist das Mass, an dem ein Mann gemessen wird, anstelle von Geschicklichkeit, Können oder Temperament; Status und sozialer Rang wird erkauft, statt verdient.

    5. Wissen ist eine vermarktbare Ware geworden; Ideen besitzt man und verkauft man, statt dass man sie teilt; Copyright Gesetze beschützen nun Eigentumsrecht und Verkaufsrecht, statt dass sie Ansehen wiederherstellen.


Auf der anderen Seite wurden dieselben Dinge, welche vorher eine Person und ihre Stellung in der Gesellschaft indentifiziert haben, reduziert:
    1. Der schriftliche Vertrag ersetzte das Manneswort. ("Wenn es nicht schriftlich festgehalten wurde, ist es nicht gültig!")

    2. Einkommen pro Jahr ersetzte den Familienname.

    3. Identifikation findet nun rein durch willkürliche und bedeutungslose (deshalb anonyme) Nummern statt.

    4. Kultureller oder ethnischer Hintergrund wurde einerseits eine Quelle für Scham, da es politisch unkorrekt ist, diesen als Kriterium für ein Urteil herbeizuziehen. Es wird als elitär angesehen, sich auf sein Erbe zu beziehen. Andererseits hat die moderne Kultur das Kulturerbe weiter erniedrigt, in dem sie es vom Nebenprodukt der eigenen Geburt zu einem Modestatement zum allgemeinen Konsum gemacht hat.

    5. Familie und Familienname wurde aufgebrochen zu Individuen. Eine einzelne Person kann nun eine andere Einzelperson um persönliche Rechte, Geld und Besitz verklagen. Die Last eines Verbrechens wird nun nur vom Individuum getragen.


Ich hoffe, der eine oder andere findet das auch so spannend wie ich und fühlt sich dadurch inspiriert, sich selber zu hinterfragen und neue Erkenntnisse zu gewinnen.


Die Sinne täuschen nicht, das Urteil trügt.

 
Debbie
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RE: PDF Alte Weltanschauung & Effekte der Urbanisation

#2 von Bruder Eberhard , 02.08.2016 10:48

Hallo Debbie,

zwar habe ich nicht den ganzen PDF-Text gelesen, aber der Inhalt Deines Auszuges hat im Wesentlichen schon seine Richtigkeit. Früher habe ich mich ein bisschen mit kritischer und kontroverser Kultur- und Geschichtsphilosophie auseinandergesetzt (u.a. der sogenannte Integrale Traditionalismus bei Frithjof Schuon), bei der teilweise die gleichen Phänomene beobachtet werden.

Allerdings war "ein Sinn der sozialen Verantwortung gegenüber Angestellten" im antiken römischen Reich gegenüber den "Servi", also dem "Service-Personal", vielleicht nicht immer zu 100 Prozent gegeben (nett formuliert; zumal einige "Servi" als Lehrer mit höherer Bildung tatsächlich nicht so schlecht gestellt waren). Heutzutage fehlt er in der Wirtschaft jedoch weitgehend zur Gänze, das stimmt insofern schon.



"Die Götter ermahnen uns, die strahlende Form des Lichtes zu verstehen."

Proklos

 
Bruder Eberhard
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