RE: Ewigkeit und absolute Glückseligkeit

#1 von Bruder Eberhard , 28.03.2016 18:11

Liebe Freunde,

zu diesem Thema, bekanntlich einem meiner Fachbereiche, muss ich in aller Demut vorausschicken, dass ich mich tatsächlich von frühester Kindheit an intensiv mit philosophischen Fragen um Raum, Zeit und Ewigkeit beschäftigt habe, zumindest ganz sicher schon, seit ich fünf oder sechs Jahre alt war und in den Kindergarten ging. Meine Beschäftigung mit solchen Überlegungen fiel damals auch Erwachsenen auf. Mit ungefähr elf oder zwölf (also gleichzeitig, als völlig unabhängig davon aufgrund meiner Geschichtsliebe mein spirituelles Interesse an das germanische Heidentum erwachte), las ich mit Begeisterung, was die moderne Physik über Raum und Zeit zu sagen hat, und ich machte mich mit Albert Einsteins Relativitätstheorie vertraut. Ich zerbrach mir damals regelrecht den Kopf über diese komplexen und paradoxen Mysterien, die - wie ich erst später herausfand - bereits seit Jahrtausenden bei den Metaphysikern, Mystikern, Philosophen und Heiligen aller Religionen bekannt waren.

Es handelt sich bei diesem Thema für mich also nicht um einen neuen Spleen, dem ich ich erst seit ein paar wenigen Jährchen fröne, sondern von frühester Kindheit an um meine persönliche Suche nach philosophischer Mysterienweisheit und um die essentiellsten Leitmotive meines Lebens. Jeder Mensch hat seine individuellen Qualitäten, und es ist bekannt, in wie vielen Dingen ich selber eher eine Niete bin; aber zumindest in DIESEM philosophischen Bereich zu Fragen über Raum, Zeit und Ewigkeit, der anderen völlig abstrakt und paradox erscheinen mag, habe ich mir in aller Bescheidenheit im Laufe der Jahrzehnte vielleicht doch ein bisschen Übung erarbeitet, so dass ich mich in diesen geistigen Dimensionen regelrecht heimisch und pudelwohl fühle.


Wenn man es sich nämlich genau anschaut, dann sieht man, dass die meisten Vertreter ALLER Religionen, inklusive des Heidentums, an der Raum-Zeit-Frage scheitern, sogar weltweit namhafte Philosophen wie Martin Heidegger (den ich nicht sonderlich schätze). Daher rühren auch all die Missverständnisse zwischen den verschiedenen Ansichten und Ideologien, weil diese allesamt an Raum und Zeit, also an der relativen Realität gekoppelt sind.

Der Fehler der meisten Vertreter ALLER Religionen besteht nun darin, dass sie sich selbst ausschliesslich mit dem Räumlich-Zeitlichen identifizieren, welches ich fürderhin kurz mit Einsteins Wortschöpfung als "Raumzeit" bezeichnen möchte. Raum und Zeit hängen ja stets miteinander zusammen, was nicht erst Einstein entdeckt hat, sondern in der Philosophie seit Jahrtausenden bekannt ist. Deshalb malen griechisch-orthodoxe Mönche vom heiligen Berg Athos Ikonen immer flächig, niemals mit perspektivisch dreidimensional wirkender Raumtiefe. Ikonen sollen "Fenster zur Ewigkeit" darstellen, aber Perspektive erwirkt den Anschein von Räumlichkeit und dadurch auch von Zeitlichkeit, weshalb Perspektive in der sakralen Kunst der Ostchristen von jeher vermieden wird.

Was ist Ewigkeit? Nur schon der Umstand, dass dieses Wort überhaupt existiert, beweist, dass es Ewigkeit tatsächlich gibt. Ewigkeit ist jedoch nicht dasselbe wie Unendlichkeit! Die Unendlichkeit ist eine geometrische Gerade ohne Anfang und ohne Ende, wobei diese Gerade theoretisch einen Anfang und ein Ende haben KÖNNTEN. Hingegen die Ewigkeit ist sozusagen die transzendentale Dimension der Unendlichkeit, oder geometrisch dargestellt: Unendlichkeit im Quadrat. Um das genauer zu veranschaulichen: Wenn man von dieser Gerade nun eine Strecke von beispielsweise zwei Metern Länge herausnimmt, wie viele mathematische Punkte haben auf dieser Strecke Platz? Anwort: Unendlich viele, mathematisch: ?! Und wenn man besagte zwei Meter lange Strecke nun ins Quadrat setzt und dadurch eine Fläche von vier Quadratmetern erhält, wie viele mathematische Punkte haben innerhalb dieser Fläche Platz? Antwort: Genau gleich viele wie zuvor, nämlich ebenfalls unendlich viele, mathematisch: ?! Ungefähr auf diese Weise lässt sich das Verhältnis zwischen der Unendlichkeit innerhalb der relativen Raumzeit und andererseits der Ewigkeit jenseits der relativen Raumzeit veranschaulichen.


Da die Ewigkeit der relativen Raumzeit vollständig enthoben ist, entsteht jenes paradoxe Mysterium, welches für den menschlichen Geist nicht mehr nachvollziehbar ist, mittlerweile jedoch sogar von der naturwissenschaftlichen Physik zumindest im Ansatze nachgewiesen worden ist, wonach der Anfang aller Dinge sowie das Ende aller Dinge genau JETZT in diesem Augenblick an einem absolut transzendentalen Punkt gleichzeitig präsent sind!

Daher konnte der Fundamentalmystiker Meister Eckhart (um 1260 bis 1327/28), der um diese Dinge genauestens wusste und der sehr viel praxisnaher war, als man vermuten würde, bereits vor rund 700 Jahren sagen (Im mittelhochdeutschen Original benutzte Meister Eckhart für den "jetztigen Augenblick" das Wort "nû", welches in dieser Übertragung mit "nun" übersetzt wird.):

"In der Ewigkeit gibt es kein Gestern und noch kein Morgen, da gibt es ein gegenwärtiges Nun; was vor tausend Jahren war und was nach tausend Jahren kommen wird, das ist da gegenwärtig, und das, was jenseits des Meeres ist." (Schon wieder Räumlichkeit in engstem Zusammenhange mit Zeitlichkeit!)

Noch mehr von Meister Eckhart zu diesem Thema:

"Alles, was je geschah vor tausend Jahren, der Tag, der vor tausend Jahren war, der ist in der Ewigkeit nicht entfernter als der Zeitpunkt, in dem ich jetzt eben stehe; oder der Tag, der nach tausend Jahren oder so weit als du zählen kannst, kommen wird, der ist in der Ewigkeit nicht entfernter als dieser Zeitpunkt, in dem ich eben jetzt stehe."

Meister Eckharts Schlussfolgerungen, die er konsequenterweise daraus zieht, gehören weltweit zum Radikalsten, was die Philosophie jemals hervorgebracht hat. Nietzsche ist ein Witz dagegen. So sagt Meister Eckhart, der ein hochrangiger Magister der Theologie aus dem Dominikaner-Orden mit zwei Inquisitionsprozessen am Hals war, tatsächlich u.a.:

"Darum bin ich Ursache meiner selbst meinem Sein nach, das ewig ist, nicht aber meinem Werden nach, das zeitlich ist. Und darum bin ich ungeboren, und nach der Weise meiner Ungeborenheit kann ich niemals sterben. Nach der Weise meiner Ungeborenheit bin ich ewig gewesen und bin ich jetzt und werde ich ewig bleiben. Was ich meiner Geborenheit nach bin, das wird sterben und zunichte werden, denn es ist sterblich; darum muss es mit der Zeit verderben. Dagegen in meiner ewigen Geburt wurden alle Dinge geboren, und ich war die Ursache meiner selbst und aller Dinge; und hätte ich gewollt, so wäre weder ich noch wären alle Dinge; wäre aber ich nicht, so wäre auch Gott nicht: dass Gott GOTT ist, dafür bin ich die Ursache."

Ähm, kennt irgendjemand von Euch einen in seiner totalen Konsequenz noch radikaleren Denker? Zumal Meister Eckhart in der modernsten Quantenphysik immer mehr seine Bestätigung findet...


Doch weiter:

Was ist absolut? - Wer behauptet, es gäbe "nichts" Absolutes, hat sich mit einer solchen Aussage bereits selbst widerlegt, weil dies eine absolute Aussage wäre. Freilich entzieht sich das Absolute vollständig dem menschlichen Vorstellungsvermögen, weil die absolute Realität der Logik nach die Ganzheit der transzendentalen Realität jenseits der relativen Raumzeit, die immanente Realität innerhalb der relativen Raumzeit und Dualität sowie die Omnipräsenz umfassen würde, darüberhinaus die Nondualität und zugleich die Individualität: Einheit in der Vielheit und Vielheit in der Einheit.

Aufgrund der Teilnahme der absoluten Ganzheit an der transzendentalen Realität entzieht sie sich dem räumlich-zeitlichen Fassungsvermögen und kann daher niemals durch Erfahrung erfasst werden, weil Erfahrungen ausschliesslich in der relativen Raumzeit gemacht werden können. Daher besteht die einzige Verbindung zur absoluten Realität, wobei eine solche Verbindung zugegebenermassen nur etwas ausserordentlich Flüchtiges sein kann, weil die Ewigkeit - mitsamt der Schöpfung der Welt und mitsamt ihrem Untergange - allumfassend und vollständig eben immer nur im gegenwärtigen Augenblick existent sein kann, also ausschliesslich im reinen Sein und den höheren Seinsaspekten wie Bewusstsein oder Gewahrsein!

Es muss nochmals betont werden: Es gibt keinen einzigen Zugang von der Seite der Raumzeit her zur absoluten Realität, zumindest nicht, wenn sie von der Ewigkeit abgekoppelt wird; und einzig und allein aus diesem Grunde kann ein solches Bestreben auch niemals über einen Erfahrungsschatz jedwelcher Art funktionieren! Erfahrungen können höchstens mittelbar dazu verhelfen, den Bereich jenseits aller Erfahrungen zu "erfahren" (Präsens ohne Vergangenheitsform!).

Die absolute Realität ist also NICHTS, was jemals fassbar wäre oder was man sich jemals vorstellen könnte. (Der Zusammenhang zwischen dem Absoluten und dem Nichts ist ebenfalls sehr interessant und seit Jahrtausenden bekannt, würde an dieser Stelle aber den Rahmen sprengen.)

Europas berühmtester Meisterphilosoph, nämlich der göttliche Platon (In der griechisch-römischen Antike wurden insgesamt nur drei Philosophen offiziell durch den heidnischen Kultus postum mit dem Titel "göttlich" ausgezeichnet, was in etwa einer katholischen Heiligsprechung entspräche, nämlich Pythagoras, Platon und Jahrhunderte später als letzter Plotin; nicht aber der rationalistische Logiker Aristoteles!), hielt ergänzend dazu fest, dass aus irdischer, also aus menschlich-vergänglich-relativer Sichtweise, die vorteilhaftesten Wesensumschreibungen für den innersten transzendentalen Kern der absoluten Realität, also für die ewige Ursache des Seins für alles Seiende, welche über die Emanation in die vergängliche, räumlich-zeitliche Vielheit ausströmt, mit dem gewissermassen schlechthin "Guten", "dem Wahren" und "dem Schönen" der Realität am nächsten kommen, obwohl bereits Platon Ansätze zur sogenannten Negativen Theologie aufzeigte, welche jedoch erst um 500 n. Chr. durch den interessanterweise christlichen Denker Dionysius Areopagita, der gemäss der heutigen philologischen Forschung ein Schüler des spätantiken heidnischen (!) Meisterphilosophen Proklos gewesen sein muss, auf die Spitze getrieben worden ist.

Warum aber ausgerechnet "das Gute", "das Wahre" und "das Schöne"? Antwort: Weil diese Essenzen jenseits der relativen Raumzeit zu den wenigen abstrakten Dingen gehören, die innerhalb der absoluten Realität von Bestand sind (bzw. besser gesagt ihre Ursache von dort haben), während sie selbst keine autonom existierende Gegenteile aufweisen. Wenn man sich jahrelang in den entsprechenden Gedankenspielen übt, stellt man fest, dass nämlich umgekehrt das Böse, die Lüge oder das Hässliche a) niemals absolut sein können, b) niemals von sich selbst aus autonom existieren können, sondern immer nur in RELATION zum Guten, zum Wahren und zum Schönen stehen können, und daher c) relativ, also in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Absoluten stehen.

Zur Veranschaulichung ein Gleichnis aus der Physik: Beim scheinbaren Gegensatzpaar Wärme und Kälte handelt es sich nicht um eine ausgeglichene Polarität (und schon gar nicht um eine solche Polarität, die einander bedingen würden so wie männlich und weiblich!), weil Kälte physikalisch gesehen gar nicht existiert, sondern ausschliesslich Wärme. Kälter als null Grad Kelvin (minus 273,15 Grad Celsius) geht es nicht, und alles darüber ist physikalisch ausschliesslich Wärme! (Bei wieviel Grad beginnt dann metaphysisch die "absolute Wärme"? Dies bleibt ein Mysterium und für uns im unvorstellbaren Bereich!) Kühlschränke produzieren eigentlich keine Kälte, sondern es handelt sich dabei physikalisch gesehen um Wärmeentzugsmaschinen!

Genauso verhält es sich mit Licht: Dunkler als in einer Dunkelkammer geht es nicht (was null Grad Kelvin entspräche). Des weiteren kann man keine Finsternis produzieren, das ist ein Ding der Unmöglichkeit! Es gibt keine "Dunkelglühbirnen", welche Dunkelheit und Schwärze auszustrahlen vermögen! Also ist auch die umgangssprachliche Redewendung "Wo Licht ist, ist auch Schatten" definitiv falsch! Unmittelbar an einer Lichtquelle ist niemals Schatten! Licht wirft keinen Schatten! Um Schatten zu "produzieren", muss man sich in eine Dunkelkammer begeben und sich selbst von der Lichtquelle isolieren. Doch ausserhalb von der selbstgeschaffenen Finsternis strahlt nach wie vor das Licht!


Boëthius, der in den frühen 520er Jahren im Kerker eingesperrt und vom Ostgotenkönig Theoderich zum Tode verurteilt sein geniales Meisterwerk "Trost der Philosophie" niederschrieb, fasste Platons transzendentale Uraspekte "das Gute", "das Wahre" und "Schöne" durch logische und zwingend konsequente Gedankengänge zur "höchsten Glückseligkeit" zusammen, wonach JEDER bewusst oder unbewusst streben würde. (Einer, der im Kerker eingesperrt, der Vollstreckung seines eigenen Todesurteils harrend, so etwas schreiben kann, so einer wird sich seiner bestechenden Gedankengänge sowie der daraus resultierenden Schlussfolgerungen absolut sicher sein, die an dieser Stelle der Länge wegen leider nicht wiedergegeben werden können.) Gemäss Boëthius schneiden Kriminelle sich selbst von der höchsten Glückseligkeit ab und berauben sich daher ihrer eigenen Existenzgrundlage. Meiner Meinung nach darf man getrost an der Stelle der "höchsten Glückseligkeit" die absolute Glückseligkeit setzen!

Ausserhalb von der langatmigen, aber bestechenden Beweisführung von Boëthius, die ich jedem wärmstens als Lektüre empfehle, ein weitaus kürzerer Beweis, dass die Glückseligkeit in der transzendentalen Realität jenseits der relativen Raumzeit tatsächlich absolut ist (und ebenfalls ohne ein autonom existierendes Gegenteil dasteht): Jeder, absolut JEDER Mensch wünscht sich im Grunde seines Herzens so GLÜCKLICH wie möglich zu sein, bzw. so glückselig wie möglich! Diese Beweisführung stünde nur dann auf etwas wackligen Beinen (wobei sie auch dann noch durch andere Methoden zu retten wäre), wenn die Hälfte der Menschheit freiwillig für sich selbst wünschen würde, so unglücklich, krank, depressiv, notleidend, hässlich, ungeliebt, arm, schmerzleidend und trostlos wie irgendwie nur möglich zu sein. Dem ist aber nicht so! Kein einziger Mensch wünscht für sich selbst, so unglücklich wie irgend nur möglich zu sein!

Selbstverständlich muss man sich vor Augen halten, dass die absolute Glückseligkeit gleich einem transzendentalen, unfassbaren und nicht näher definierbaren Ideal entrückt ist. Warum? Weil sie eben nicht innerhalb der relativen Raumzeit fassbar ist, da unser Gehirn und unser Denken mit gar nichts anderem etwas anzufangen weiss, als einzig mit der Identifikation von räumlich-zeitlichen Dingen. Aber die absolute Glückseligkeit steht JENSEITS von all dem und JENSEITS allen Denkens!


Der letzte grosse heidnische Philosoph Proklos (412-485) war nicht nur einer der scharfsinnigsten diskursiven Dialektiker aller Zeiten, sondern auch ein esoterischer Theurg, der heidnische Göttinnen und Götter rituell verehrte (wobei diese bei ihm sowohl spirituell als auch philosophisch auf den Hypostasenstufen eine entscheidende Rolle spielten). Da er eben kein Ideologe, sondern ein Philosoph war, ist er selbstverständlich in seinen zahlreichen Schriften mit brillanter Logik bereits sämtlichen anderslautenden Einwänden von philosophischen Gegnern nachgegangen, auch sämtlichen Einwänden, die heute einer dagegen vorbringen könnte, wodurch er akribisch den Nachweis erbracht hat, dass alle philosophischen Gegner ihre Überlegungen nicht wirklich radikal bis in die letzten Konsequenzen zu Ende gedacht haben. Deshalb kann Proklos bezüglich unserer Beweisführung mit mathematischer Präzision folgende Formeln postulieren:

1. "Alle Vielheit findet sich in irgendeiner Weise in dem EINEN."
2. "Alles, was sich im EINEN findet, ist sowohl Eines als auch Nichteines."
3. "Alles, was Eines wird, wird durch sein Sichfinden in dem EINEN Eines."

4. "Alles Geeinte ist ein anderes als das EINE selbst."
5. "Alle Vielheit folgt als Zweites dem EINEN.
6. "Alle Vielheit besteht entweder aus Geeinten oder aus Einsheiten."
7. "Alles, was anderes hervorbringt, übertrifft das Eigenwesen des Hervorgebrachten."

8. "Höher als alles wie auch immer am Guten Teilhabende steht das primär Gute, das heisst das, was nichts anderes ist als gut."

Zum letzten Punkt macht Proklos folgende detaillierte Ausführungen:

"Wenn nämlich alles Seiende nach dem Guten strebt, dann ist offenbar, dass das primär Gute jenseits des Seienden ist. Wenn es nämlich identisch ist mit einem vom Seienden, sind entweder Seiendes und das Gute identisch, und dieses Seiende würde nicht nach dem Guten streben, es wäre selbst das Gute; denn was strebt, ist dessen, wonach es strebt, bedürftig und dem Erstrebten fremd; oder das eine ist dieses und das andere jenes. Es ist also nur "etwas Gutes", eines in etwas von dem, was teilhat und wonach das Teilhabende nur strebt, aber nicht das schlicht Gute, wonach ALLES strebt. Dies nämlich ist gemeinsam von allem Seienden erstrebenswert; das in etwas entstandene Gute gehört aber nur jenem Teilhabenden."

Proklos macht also eine als mathematisch zu bezeichnende Unterscheidung zwischen dem absolut Guten und dem relativ Guten, von dem viele Menschen verabsolutierend die Halbwahrheit glauben, wonach das Gute individuell bei jedem etwas anderes sei und daher stets relativ. Proklos setzt nach alter Tradition das absolut Gute mit dem platonischen Einen und dem Sein in Verbindung, welches die Ursache von allem Seienden sowie der Vielheit ist und somit vollständig JENSEITS unserer relativen Raumzeit. Daher rührt also das verabsolutierte Missverständnis, wonach das Gute angeblich stets relativ sei! Proklos fährt fort:

"Das primär Gute ist aber nichts anderes als gut. Wenn man etwas anderes dazusetzt, vermindert man durch den Zusatz das Gute, man macht "etwas Gutes" anstelle des schlicht Guten; das Zugesetzte vermindert durch sein Beisammensein das Gute, weil es nicht das Gute ist, sondern geringer als jenes."


So viel fürs erste zum Thema Raum, Zeit, Ewigkeit und absolute Glückseligkeit.
Willkommen in der Mystik, der Sehnsucht nach dem Absoluten!


Wie dichtete Richard Wagner doch so schön in seinem Bühnenweihfestspiel "Parsifal" zu jener Szene, die den Weg in die Gralsburg hinein darstellt:

Parsifal:
"Ich schreite kaum, doch wähn' ich mich schon weit."

Gurnemanz:
"Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit."


Gibt es irgendwelche Fragen, Einwände, Ergänzungen, Überlegungen, Anregungen, Gebüsche, Farne, Riesenschachtelhalme oder Brombeergestrüppe?



"Die Götter ermahnen uns, die strahlende Form des Lichtes zu verstehen."

Proklos

 
Bruder Eberhard
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RE: Ewigkeit und absolute Glückseligkeit

#2 von Martkos , 31.03.2016 23:28

Lieber Eberhard

Ich möchte zunächst sagen, dass dieser Beitrag im höchsten Masse erhellend auf mich wirkt. Gerne nehme ich mir, in hoffentlich naher Zukunft, Zeit, um auf die angesprochenen Themen näher einzugehen.

Off Topic: gerne sende ich Dir im Verlauf der nächsten Woche mögliche Daten, um die Rheingold-DVD gemeinsam anzuschauen.

Bis bald


Herzlicher Gruss
Marco

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